Chronik

Entstehung der Trauner Nachbarschaft

Was ist eine Nachbarschaft? | Die Anfänge | Die Nachbarväter | Die Nachbarmütter

Die Siebenbürger Nachbarschaft Traun wurde 1956 gegründet. Sie ist eine Sektion der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Oberösterreich und umfaßt die in Traun und Umgebung wohnenden Vereinsmitglieder der Landsmannschaft.
Ziele der Landsmannschaft sind Wahrung, Pflege, Förderung und Vertretung der kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und geselligen Belange der Vereinsmitglieder im Geiste der landsmannschaftlichen Zusammengehörigkeit und mit dem Ziel der Einbringung ihrer Kultur in Österreich.
Vorstellung der Gründungsmitglieder war es, im Sinne einer jahrhundertealten Organisation weiterzuwirken – der Nachbarschaft.

 

Was ist eine Nachbarschaft?

Allgemeines
Die Nachbarschaft hatte für das Gemeinschaftsleben der Siebenbürger Sachsen größte Wichtigkeit. Ohne die Mitgliedschaft in einer Nachbarschaft hatte man keinen Platz in der Volks- und Glaubensgemeinschaft der Siebenbürger Sachsen. Man war, besonders in den Dörfern, von allem gesellschaftlichen und kirchlichen Geschehen ausgeschlossen. Jede etwas größere siebenbürgisch-sächsische Gemeinde war in mehrere, meist vier Nachbarschaften untergliedert, denen alle Gassen und Häuser der Gemeinde zugeordnet waren. An ihrer Spitze stand der frei gewählte Nachbarvater, in den Städten auch „Nachbarhans“ genannt. Die Wahl zu diesem Ehrenamt durfte niemand ohne triftigen Grund ausschlagen. Die Amtszeit erstreckte sich in der Regel auf zwei Jahre.

Rechte und Pflichen
Rechte und Pflichten regelten uralte Gesetze, die sogenannten Nachbarschafts-Artikel, welche wie auch Geld und sonstige wichtige Schriftstücke in der Nachbarschaftslade verwahrt wurden. Sie gingen anfangs wohl als Gewohnheitsgesetz von Mund zu Mund und wurden erst verhältnismäßig spät schriftlich aufgezeichnet. Die Artikel, welche in jüngerer Zeit alljährlich am „Richttag“ vorgelesen wurden, sind spätere Überarbeitungen verlorenen gegangener oder noch vorhandener, in Archiven hinterlegter Originale. Die ältesten dieser Artikel sind jene aus der Wiesengasse aus dem Jahre 1563 und die der Burggasse aus dem Jahre 1577, beide aus Hermannstadt.
Wollte der Nachbarvater eine Versammlung einberufen, eine Anordnung oder einen Befehl der Obrigkeit bekanntgeben, so bediente er sich des Nachbarzeichens. Es war ein meist herzförmig gestaltetes, oft mit schönen Schnitzereien geziertes Holzstück in der Größe eines Lebkuchens. Es wurde mit der mündlichen Anordnung des Nachbarvaters von Haus zu Haus in Umlauf gesetzt.
Die wichtigste Versammlung war der einmal im Jahr abzuhaltende Richttag. Kein männliches Mitglied durfte ohne genügende Entschuldigung dabei fehlen.
Die Nachbarschaften unterstanden der Oberaufsicht der Kirche. Im Allgemeinen läßt sich der Zweck der Organisation zurückführen auf

  1. gegenseitige Hilfeleistung in Freud und Leid
  2. Emporhaltung der öffentlichen, bürgerlichen Ordnung und Sicherheit
  3. Pflege der sittlichen Wohlanständigkeit und ganz besonders des kirchlichen Sinnes in der Gemeinde

1. gegenseitige Hilfeleistung in Freud und Leid
So hatte jeder Hausvater für sich und seinen Hausstand Anrecht auf die brüderliche Hilfe der Mitverbundenen, so oft er, wie die Artikel der Dorfgemeinde Pretai so schön sagen, „etwas zu heben hat, so ihm alleine zu schwer ist“.
Zum freudigen Ereignis der Hochzeit durfte eine Einladung nicht ausgeschlagen werden. Und zu Vorbereitung, insbesondere zum Backen, eilten schon frühmorgens die durch Schlagen auf die Backbleche geweckten Burschen und Mädchen herbei. Es gab viele helfende Hände.
Führte der Nachbar einen größeren Bau aus, so war nachbarschaftliche Hilfe eine Selbstverständlichkeit.
Im Unglück darf keiner alleine stehen. Wurde ein Nachbar schwer krank, sprangen die anderen der Reihe nach bei schwerer Feldarbeit ein. Starb ein Nachbar, so ordnete der Nachbarvater das Grabmachen, das Geläute, das Tragen der Bahre an und alle erschienen zum feierlichen Grabgeleite.

2. Emporhaltung der öffentlichen, bürgerlichen Ordnung und Sicherheit
Zahlreiche Bestimmungen der Artikel betreffen die Erhaltung oder öffentlichen Ordnung und Sicherheit.
Zuzug und Aufnahme in die Nachbarschaft unterlagen strengen Bestimmungen. Gassen- und Torwacht wurden eingerichtet. Feuerinspektoren achteten darauf, daß die Rauchfänge stets gereinigt wurden. Gräben und Stege hatte jeder vor seinem Haus zu reinigen und auf die Verunreinigung der Straßen stand hohe Strafe. Zu öffentlicher Arbeit bei Baten der politischen und kirchlichen Gemeinde hatte jeder Hauswirt die vom Nachbarvater gebotetene Hilfe zu leisten und persönlich zu erscheinen.

3. Pflege der sittlichen Wohlanständigkeit
Auf die Pflege des kirchlichen Sinnes wurde größtes Augenmerk gelegt. Seitenlang könnten Bestimmungen angeführt werden, welche die Einhaltung der Sonntagsruhe, die Teilnahme am Gottesdienst, am Abendmahl und überhaupt das Verhalten am Sonntag betrafen. Bis in die neueste Zeit war die Jugend (Bruder- und Schwesternschaft) verpflichtet, an Sonntagen vormittags den Hauptgottesdienst, nachmittags die Vesper zu besuchen.

 

Die Anfänge der Trauner Nachbarschaft

Die Gründung
In wenigen kurzen Zügen wurde versucht, das Bild einer jahrhundertealten Institution aufzuzeigen. Davon etwas in die neue Heimat herüberzuretten und hier zu erhalten war auch die Absicht der Männer, welche sich im Gasthaus Steinbruckner zusammmenfanden, die Nachbarschaft Traun gründeten und am 9. Dezember 1956 Johann Benesch zu ihrem ersten Nachbarvater wählten. Der Ausschuß traf sich zu regelmäßigen Sitzungen. Vieles wurde besprochen und mancherlei Beschlüsse gefaßt. Von nun an ging es Schlag auf Schlag.

Die Entwicklung
Am 21. April 1957 wurde zum ersten Trachtenball geladen – der Besuch war sehr gut. Im Mai erfolgte die Gründung der Jugendgruppe. Am 2. Juni 1957 erhielt erstmals ein Neugeborenes ein kleines Geschenk und ebenfalls seit 1957 fehlen auf den Gräbern der Verstorbenen die Kränze der Nachbarschaft nicht mehr.
Von Beginn an gab es eine enge Bindung zur evangelischen Kirche, unter deren Dach man förmlich schlüpfte. Aus gesundheitlichen Gründen legte Johann Benesch sein Amt in der Jahreshauptversammlung am 18.1.1959 nieder.
Die Gründungsarbeit war getan. Es stand die Organisation der Nachbarschaft, der Jugend mit Theatergruppe und Chor. Und es gab auch die bereits als Posaunenchor ins Leben gerufene – Siebenbürger Blasmusik.
Die Organisationen haben sich stetig weiterentwickelt, mit Stolz kann auf die Aktivitäten der vergangenen Jahrzehnte zurückgeblickt werden.

Hilfsprojekte
Da die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre längst überwunden ist, hat sich die Nachbarschaft zu einem Verein weiterentwickelt, dessen Hauptanliegen neben der Bewahrung und Pflege des kulturellen Erbes ist. Der nachbarschaftliche Grundgedanke der gegenseitigen Hilfeleistung wird hochgehalten.
Besonders wichtig sind uns auch unsere gezielten Hilfsprojekte (nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“) in Siebenbürgen und stetiger Kontakt zu den noch dort verbliebenen Landsleuten!

Veranstaltungen
Den Mitgliedern werden das ganze Jahr über zahlreiche Veranstaltungen angeboten: Dem Richttag am 6. Jänner und dem Kinderfasching im Februar (für den die Frauen der Nachbarschaft mehrere hundert Krapfen backen) folgen das Sommerfest mit selbstgemachter Siebenbürgerwurst und Baumstriezeln, die alljährliche Kulturveranstaltung im Schloß Traun sowie die Adventfeier. Natürlich gibt es auch Ausflüge, Musicalfahrten oder Wanderungen und Nachbarschaftsabende im Winter mit kulinarischen Themen. Seit 1994 erscheint mehrmals jährlich „Der Siebenbürger“ als gemeinsames Informationsblatt von Nachbarschaft, Trachtenkapelle und Jugend und berichtet von allen Veranstaltungen und Neuigkeiten. Die jüngsten Neuerungen sind der Nachbarschaftswein und natürlich die Präsenz im Internet.

Im Schloß Traun befindet sich bereits seit 15 Jahren ein eigener Schauraum, der die eigentlichen Schätze der Nachbarschaft beherbergt und sie jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich macht: Die jährlich neu gestaltete Ausstellung zeigt neben Trachten und allem, was dazu gehört, auch Keramik, Abreitsgeräte und vieles mehr sowie veranschaulicht die Geschichte und Kultur unseres Volkes.

Zum Gedenken an die Vertreibung 1944 fand eine Fotoausstellung in der Stadtgalerie Traun statt. An der Portalseite der evangelischen Kirche wurde eine Gedenktafel enthüllt.

Die Siebenbürger Nachbarschaft, Jugend und Trachtenkapelle Traun treten bei vielen Veranstaltungen der Stadt Traun in Erscheinung und erhält Anerkennung für die Bereicherung der hiesigen Kultur und entsprechende Unterstützung auch von Bürgermeister und Landeshauptmann. Dies beweist uns, daß wir voll integriert und auf dem richtigen Weg sind.

 

Nachbarväter der Siebenbürger Nachbarschaft Traun:
09.12.1956 – 18.01.1959: Johann Benesch
18.01.1959 – 06.01.1960: Martin Hesch
06.01.1960 – 27.12.1966: Johann Huprich
27.12.1966 – 06.01.1969: Peter Potsch
06.01.1969 – 06.01.1978: Hans Waretzi
06.01.1978 – 06.01.1981: Wilhelm Hann
06.01.1981 – 06.01.1993: Ing. Gert Brenner
06.01.1993 – 06.01.2005: Martin Duka
seit 06.01.2005: Dietmar Lindert

Nachbarmütter der Siebenbürger Nachbarschaft Traun:
09.12.1956 – 06.01.1975: Maria Pfingstgräf
06.01.1975 – 06.01.1993: Katharina Kreischer
06.01.1993 – 06.01.2005: Gertrude Kreischer
seit 06.01.2005: Irene Kastner